I. Autismus Spezifische Diagnostik

Die Besonderheiten, die Autismus spezifisches Erleben und Verhalten mit sich bringen, werden derzeit durch eine ungewöhnliche, nicht "neurotypische" Funktionsweise des zentralen Nervensystems erklärt. Diese bedingt eine andere Art der Wahrnehmungsverarbeitung, die verschiedene Sinne wie zum Beispiel das Hören, das Riechen und das Fühlen beeinflussen kann und seit der Geburt besteht. Das Konzept der "neurologischen Vielfalt" beschreibt, dass jedes Gehirn unterschiedlich ist. Wir betrachten diese Vielfalt und Individualität im Rahmen der Förderdiagnostik und Planung.

 

Eine fachärztliche Diagnostik, mit der zunächst eine Beschreibung und damit Reduktion auf Autismus
relevante Symptome einhergeht, ist jedoch notwendig, um erste Erklärungen für Schwierigkeiten im Alltag zu finden. Diese stellt die Voraussetzung für die Bewilligung  einer Autismus spezifischen Förderung und andere unterstützende Hilfen (zum Beispiel den Einsatz eines Integrationshelfers in der Schule)  dar.

Die regelmäßige Förderdiagnostik und Planung im Rahmen der Therapie kann  darauf aufbauend die individuellen Probleme und Stärken, sowie konkrete Anliegen des Klienten und seiner Bezugspersonen in den Blick nehmen.

 

Diagnosekriterien

Autismus-Spektrum-Störungen gehören zu den Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Auffälligkeiten in der Entwicklung und in beobachtbarem Verhalten werden in folgenden Bereichen beschrieben:

- Soziale Interaktion

- Kommunikation

- Verhaltensmuster, Interessen und Aktivitäten.

Es müssen mehrere Symptome in den drei Bereichen beobachtet oder berichtet werden

 

Das "Autismus - Spektrum"

Der Begriff "Spektrum" beschreibt die Sichtweise eines Kontinuums ("Zahlenstrahl", "Farbspektrum").  Hier nach unterscheiden sich autistische Störungen durch ihren Schweregrad hinsichtlich der Ausprägung und Anzahl der Symptome in den drei Bereichen: Soziale Interaktion, Kommunikation, sowie Verhaltensweisen, Aktivitäten, Interessen. Autistische Störungen lassen sich nach derzeitigem Forschungsstand jedoch nicht in unterschiedliche Kategorien einteilen.

 

Das "Autismus-Spektrum" wird durch folgende Bereiche mit den zugehörigen Symptomen  beschrieben. Die Bereiche mit dazugehörenden Symptomen werden nachfolgend in Auszügen beispielhaft beschrieben.

 

Qualitative Beeinträchtigungen wechselseitiger sozialer Interaktionen

Dies kann heißen: Die Kinder spielen lieber allein als mit anderen. Sie reagieren auf das Lächeln
anderer Menschen intuitiv nicht mit Zurücklächeln. Wenn sie Kontakt suchen, dann eher zu Erwachsenen oder jüngeren Kindern. Sie haben Schwierigkeiten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und verstehen oft nonverbale Signale wie z.B. "Augenbrauenhochziehen und Kopfschütteln" als Zeichen für "Hör auf" nicht. Es kommt häufig zu Missverständnissen in der Umwelt. Dies führt oft zu Konflikten.

 

Qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation und Sprache

Dies kann heißen: Die Sprachentwicklung der Kinder ist auffällig. Sie setzt sehr früh, verzögert ein oder bleibt aus. Die Kinder äußern Bedürfnisse oder Schmerzen z.B. durch "Hinziehen", "Schreien" oder
andere ungewöhnliche Verhaltensweisen anstatt durch Fragen, sich äußern oder Bitten. Der Gebrauch ungewöhnlicher Wörter und echoartiges Nachsprechen von Worten oder Lauten kann beobachtet werden. Oft ist die Sprachmelodie auffällig, z.B. sehr gleichbleibend mit ungewöhnlicher Betonung. Die Kinder stellen stereotype Fragen, deren Antwort sie bereits kennen. Manche Kinder wirken auf Ansprache insbesondere in der Gruppe wie taub. Sie reagieren oft nur durch direkte und deutliche Ansprache. Bei früh sprechenden Kindern mit großem Wortschatz entspricht die Sprache eher dem Schriftsprachgebrauch als der gebräuchlichen gesprochenen Sprache.

 

Eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster und Interessen

Dies kann heißen: Die Menschen zeigen Angst durch Vermeidung neuer oder Bestehen auf gleich
bleibenden Bedingungen, wenn es Veränderungen in ihrem Umfeld gibt, z.B. der Klassenlehrer ist krank, der gewohnte Weg ist durch eine Baustelle versperrt.
Sie spielen mit Gegenständen in immer gleicher Weise oder zeigen sich wiederholende Bewegungen wie z.B. Schaukeln des Oberkörpers (sog. Stereotypien).

 

Unspezifische Ängste wie Befürchtungen, Schlaf- und Essstörungen, Wutausbrüche, Aggressionen, Selbstverletzungen.

 

Beginn der Auffälligkeiten liegt in der frühen Kindheit und kann nicht durch andere Störungen (z.B. Posttraumatische Belastungsstörung, frühe Bindungsstörung) beschrieben
werden.

 

Oft kommen sensorische Auffälligkeiten (Über- oder Untersensibilitäten) hinzu wie z.B.:

Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit, (reduzierte) Schmerzempfindlichkeit, Berührungsempfindlichkeit (Vermeiden von Körperkontakt oder bestimmten Kleidungstücken), Beeinträchtigungen des Gleichgewichtsinnes, ebenso kann der Geruchssinn und der Geschmackssinn beeinträchtigt sein. Diese Besonderheiten der Wahrnehmung erschweren Menschen mit Autismus und ihren Bezugspersonen oft den Alltag.

 

Diagnosesysteme

In den Diagnosesystemen ICD 10 und DSM-IV findet man die Autismus-Spektrum-Störung

(ASS) unter den Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Die ICD-10 ist ein internationales Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen. Das DSM-IV ist ein nationales Klassifikationssystem der Vereinigten Staaten von Amerika. Teilweise werden auch weitere Diagnosekriterien hinzugezogen, wie zum Beispiel die Kriterien von Gillberg und Gillberg (1998).


 

Diagnosen aus dem Autismus-Spektrum 


werden hier häufig noch mit folgenden Bezeichnungen und Verschlüsselungen  aus der ICD-10 beschrieben:

- Frühkindlicher Autismus F84.0         

- Atypischer Autismus F84.1, F 84.10-F84.12           

- Asperger-Syndrom F84.5     

Manchmal findet man auch Bezeichnungen wie "Autismus-Spektrums-Störung" (ASS), "Verdacht
auf Autismus", "Autismus-Spectrum- Disorder" (ASD).

Das Rett Syndrom F84.2, sowie die sonstige Tiefgreifende Entwicklungsstörung (F84.8) und die nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörung (F84.9) zählen zu den weiteren Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, die im Autismus-Therapie-Zentrum  Dortmund und Hagen gefördert werden können.

 

Verfahren beim Facharzt

Ein Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie für Kinder und Jugendliche  oder Erwachsene  setzt  unterschiedliche Verfahren ein, um eine Autismus-Spektrums-Störung  festzustellen:

- Befragung der Eltern,  manchmal auch der Erzieher oder Lehrer zu aktuellen Problemen und der bisherigen Entwicklung

- Befragung des Kindes, des Jugendlichen oder des Erwachsenen

- Freie Verhaltensbeobachtung
- Körperliche, neurologische und psychiatrische Untersuchung

- Eine Untersuchung mit den für Autismus spezifischen Instrumenten:

Autismus Spezifische Verhaltensbeobachtung des Kindes, des Jugendlichen

Autismus Spezifische Fragebögen  für Bezugspersonen oder den Erwachsenen selbst

 

Die Diagnostik erfolgt ambulant in mehreren Terminen und wenn nötig auch stationär.

 

Förderdiagnostik, Planung und Bewertung im Autismus-Therapie-Zentrum Dortmund und Hagen

Im Rahmen der Förderplanung werden halbjährlich maximal drei konkrete Förderziele gemeinsam
mit den Bezugspersonen und wenn möglich mit dem Klienten vereinbart. Die Zielerreichung wird regelmäßig  durch Verhaltensbeobachtungen in und außerhalb der Therapie,  Berichte der  Bezugspersonen,  Selbsteinschätzungen des Klienten, wenn möglich, und ggf. durch  Autismus
spezifische Erhebungsbögen, sowie in Hilfeplangesprächen mit dem Kostenträger überprüft. Die Förderplanung umfasst folgende Informationen:

Bereich (z.B. Soziale Interaktion)

Ausgangssituation und Problembeschreibung

Ziel: Beschreibung und Grad der Zielerreichung

Methoden

 

II. Diagnostik weiterer Bereiche

Die Diagnostik folgender exemplarischer Bereiche können für die Förderung und Entwicklung von Menschen mit Autismus bedeutsam sein:

- Kognitive Fähigkeiten (zum Beispiel Intelligenz, Teilleistungsstörungen wie Lese- und Schreibstörungen, Rechenschwäche)

- Zusätzliche oder durch die Autismus-Spektrums-Störung bedingte Auffälligkeiten wie Ängste,
Zwänge, Herausforderndes Verhalten (Auto-, Fremd-, und Sachaggression), Beeinträchtigungen der Motorik und Sprache

 

Die Diagnostik dieser Bereiche sollte durch den behandelnden Facharzt für Psychiatrie  und Neurologie durchgeführt werden. Im Rahmen der Förderdiagnostik- und Planung empfehlen  wir, sofern nötig, eine entsprechende Diagnostik.

Manchmal wird eine Diagnostik dieser oder weiterer Bereiche auch durch Erzieher, Lehrer oder
Arbeitgeber des betroffenen Menschen angeregt.

 

Die Ergebnisse werden in die Autismus spezifische  Förderplanung einbezogen oder es werden zusätzliche therapeutische Maßnahmen bei Ergotherapeuten, Sprachtherapeuten einem Facharzt
oder Psychotherapeuten empfohlen.

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